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Chronik der Deutschen Schule Seoul
Ich erinnere mich noch gut
Brief von Constanze Geisthardt
Nein, ich möchte nicht zurück
nach Seoul, zurück an die DSS.
Denn ich erinnere mich gut.
Nicht so sehr an den Unterricht in kleinen Klassen, ein Vorteil, aber
Unterricht ist austauschbar. Am Ende wird im Abitur doch überall
dasselbe verlangt. Ich erinnere mich an Dinge, die einzigartig für
die DSS waren und es vielleicht heute noch sind.
Ich wei©¬ noch, wie hei©¬ es immer nach den Sommerferien war, wie leicht
man auf dem Schulhof ausrutschte, der rot ist und auf dem wei©¬e Linien
ein seltsames Spielfeld einschlie©¬en.
Ich wei©¬ noch, wie wir alle zum ersten Mal diesen Schulhof betreten durften,
nachdem die Turnhalle darunter fertiggestellt worden war, und wie uns
der damalige Schulleiter Herr Klein aufforderte, zu hüpfen, "um
zu sehen, ob die Decke hält".
Ich wei©¬ noch, wie der "Schulkorando", der alte Benzinfresser,
nicht mehr auf dem Schulhof parken durfte wegen eventueller Einsturzgefahr.
Und ich wei©¬ noch wie, nachdem die Seifenkisten auf dem Schulhof auf einen
daselbst geparkten Kleinlaster verladen worden waren, die Turnhalle gesperrt
wurde, um die Decke zu stützen.
Aber wir vermissten sie nicht, denn es war ja Seifenkistenrennen.
Ich wei©¬ noch, wie die Kisten alten Typs, mächtige, schwerfällige
Galeeren, 1992 von der kleinen, windschnittigen TÜV-Rheinland-Kiste
geschlagen wurden und wie in den nächsten Jahren die kleinen Kisten
überhand nahmen.
Ich erinnere mich, wie die sonst so ernsten Väter bastelten und Wunderschmieröl
mixten und Kugellager auf den verwegensten Apparaturen testeten.
Ich erinnere mich an den Jubel, den Ärger, die Erleichterung, die
Schadenfreude, die Versöhnung neben der Strecke mit Glühwein
aus der Thermosflasche und den wieder entflammenden Kampfgeist im nächsten
Jahr.
Ich erinnere mich an das Martinsfest mit Laternenumzug durch die nahe
Universität.
Danach Feuer (auf dem synthetischen Schulhofbelag), Stutenkerle und Punsch.
Die Persimonen hingen dann immer noch an dem Baum über der kleinen
Pagode, den wir auch mit Kunstobjekten schmückten.
Auch das Treppenhaus hing voll mit Bildern, Objekten und manchmal stand
unten, da wo es jeweils am Montag nach den Adventssonntagen Feiern mit
Geschichten und leicht disharmonischer Musik gab, auch eine Skulptur.
Ich erinnere mich an die klirrende Kälte drau©¬en im Januar, vor der
man nur in die Bibliothek fliehen konnte, deren Betreuung wir dann auch
mit Vergnügen übernahmen.
Ich erinnere mich an die AGs am Nachmittag und an das teilweise furchtbare
Essen (meist dubiose Aufläufe, seltenst Schnitzel), das aus einem
Restaurant geliefert wurde. Da liefen wir doch lieber zum Mandu-Stand,
bevor wir Tennis, Volleyball, Fu©¬ball oder Theater spielten.
Die Vorstellungen waren immer gut besucht und meist gro©¬e Erfolge. Zuerst
trieb der Räuber Hotzenplotz sein Unwesen, dann die Physiker und
ihre Irrenärztin. Auch Woyzeck wurde in den
Wahnsinn getrieben. Brechts Kleinbürger feierten Hochzeit und Biedermann
reichte seinen Brandstiftern Streichhölzer. Auch die feuerrote Friederike
brannte und die Herdmanns kamen, wenn nicht gerade alles in Butter war.
Die Schülerzeitung "Der Virus" berichtete dann über
die Aufführungen, da aber die Redakteure fast ausnahmslos mitspielten,
waren die Kritiken selten vernichtend. Reporter des "Virus"
durften auch zu Pressekonferenzen von Staatsbesuchen und als unparteiische
Tester Hamburger, Eis, Cafes, Pizza, Filme und andere interessante Dinge
unter die Lupe nehmen.
Einmal wurde der Tanzkurs zum Renner der Saison.
Acht Paare, acht Tänze, unzählige Schritte, Tanztees, im November
dann Mittelball im Seoul Club.
Andauernd traf man auf Itaewon Tänzerinnen mit ihren Müttern,
die Kleider, Schuhe und Taschen suchten. Als der gro©¬e Tag dann gekommen
war, waren die Stra©¬en vereist und schon der Hinweg war ein Abenteuer.
Das grüne Kleid mit dem weiten Rock und der Stola war gleich dreimal
zu sehen, auch einmal in Rot.
Im März war dann Abschlussball, gleichzeitig mit der Feier zum 20-jährigen
Bestehen der DSS. Diesmal im Hilton und wieder ein gelungenes Fest.
Fünf Jahre soll dies nun her sein.
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.
Nach dem Abschlussball ging meine Zeit in Korea schnell zu Ende.
Doch der Höhepunkt des Schuljahres stand noch aus. Die Klassenfahrten
im Mai.
Ich erinnere mich an den Stausee, wo die Grundschüler ihre Abenteuer
erlebten, bis das Haus dort wegen Baufälligkeit geschlossen wurde.
Dann die anderen Ziele, die Westküste, die Nationalparks, die Inseln
Cheju-do und Ullung-do. Ich erinnere mich, wie Ullung-do sich gegen uns
sträubte, wie unser erster Anlauf dorthin zu kommen an einem Taifun
scheiterte und erst der im Folgejahr klappte.
Jedes Jahr der Wettlauf mit der Regenzeit, die einen dann meistens doch
noch erwischte.
Und ich erinnere mich an die immer trüben, verregneten letzten Schultage.
Ein paar Worte, Zeugnisse, der Fuchs aus dem Kleinen Prinzen.
"Du hast mir die Farbe der Weizenfelder geschenkt".
Jedes Jahr Abschiede. Nach Japan, Hongkong, Deutschland, Australien, England,
Italien, Tunesien, überallhin verstreut leben jetzt die ehemaligen
Schüler der DSS.
Nach vier Wiedersehen nach den Sommerferien kam ich nach dem fünften
Jahr nicht wieder.
Ich bin jetzt in Mexiko-Stadt, werde dieses Jahr Abitur machen und dann
wahrscheinlich in Deutschland studieren - zur Abwechslung.
Ich möchte nicht nach Seoul, an die DSS zurück.
Meine Klassenkameraden sind überall, meine Lehrer auch. Ich werde
einige von ihnen vielleicht wiedersehen.
Würde ich an die DSS zurückkehren, würde ich nur die leere
Hülle meiner Erinnerungen finden.
Und so geht es allen.
Nichts wird mehr so, wie es früher war, es ist das Los DSS-Schüler,
nur eine Zeitlang an einem Ort zu sein und dort zu lernen. So lebt die
DSS für sich durch den ständigen Wechsel der Menschen immer
in der Gegenwart, für all diese Menschen wird sie aber immer in der
Vergangenheit, und zwar in den paar Jahren, die sie dort verbracht haben,
leben. In ihren Erinnerungen.
Wenn alle Schüler der DSS solche Erinnerungen mitnehmen können,
wie ich sie habe, dann haben sie etwas gewonnen.
Zumindest die Farbe des Schulhofs.
Constanze Geisthardt, 1992-1997 in Seoul, jetzt in Mexiko (2001) |
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