Juni 2006 Klassenfahrten



Leben in zwei Kulturen (2006)
Mit ungefähr zwei Jahren zog ich mit meinen Eltern nach Deutschland. Mein Vater und meine Mutter, beide koreanisch, hatten vor dort zu studieren und somit besuchte ich auch den Kindergarten, die Grundschule und das Gymnasium in Deutschland.
Als ich noch im Kindergarten und in der Grundschule war, merkte ich nicht, dass ich "anders" war als die anderen Kinder und meine Freunde. Meine Eltern nahmen damals noch alles ziemlich locker hin, was meine Freizeit betraf. Ich fühlte mich eigentlich immer normal, und als "normal" definierte ich "Deutsch". Doch je älter ich wurde, desto bewusster wurde es mir, dass ich mich eigentlich nicht wirklich mit Deutschland und auch nicht wirklich mit Korea identifizieren konnte.
Für meine Freunde und den Bekanntenkreis
in Deutschland war ich immer die "etwas schüchterne Asiatin"
und für meinen Rest der Familie, die in Korea lebte, vor allem meinen
Gro©¬eltern, war ich ein "zu vorlautes und unhöfliches Mädchen",
das sich mehr für ihre Freizeit interessierte als ihre Schulbildung.
Wahrscheinlich liegt das auch an dem Vorurteil, das beide Kulturen sich
gegenseitig mehr oder weniger vorwerfen: Die meisten Menschen in Europa
denken, dass die asiatische Kultur das Zurückhaltende und die "übertriebene"
Höflichkeit verkörpert und die meisten Menschen in Asien denken,
dass die europäische Kultur frei und offen ist. Bei beiden Urteilen
kann ich kein Widerspruch geben, dennoch storte es mich gewaltig, dass
mir meine Freunde und Eltern quasi indirekt vorwerfen, dass ich nicht
zu ihnen wirklich passte.
Meine Freunde durften viel öfter
und später raus als ich und wenn ich die Familienbeziehungen allgemein
betrachte, waren sie viel lockerer als die bei uns zu Hause. Es war alles
frei und mir kam es so vor, als sei nichts beschränkt. Keiner der
Elternteile guckte skeptisch oder gar wütend, wenn wir unsere Meinung
offen sagten. Meine Freunde verstanden mich und meine Probleme und respektierten
sozusagen meine, für sie empfindende, asiatische Art.
Es gab aber viele Auseinandersetzungen und Diskussionen zwischen meinen Eltern und mir. Sie verstanden meine Denkweise nicht und waren erschüttert, als ich ihnen erzählte, dass mir meine Freizeit und meine Freunde mindestens genauso wichtig sind wie meine Schulbildung.
Ich wiederum verstand die koreanischen
Jugendlichen nicht wirklich und sie mich auch nicht: Sie waren mir zu
schüchtern und ich ihnen zu aktiv. Ich verstand auch nie, warum ich
meine Gro©¬eltern "Siezen" musste, aber im Nachhinein wei©¬ ich
auch, dass solche Sitten je nach Familie unterschiedlich sind. Meine Cousinen
und Cousins fanden mich zu aufdringlich, aber dennoch waren sie neugierig
und auch neidisch auf mein Leben in Deutschland. Sie wussten, dass ich
weniger als die Hälfte in der Schule zu tun hatte als sie.
Neugierig waren sie auch in dem Sinne, wie es in Deutschland aussah und sie glaubten mir nicht, als ich ihnen erzählte, dass ich meinen Unterricht nur in Deutsch habe und sie glaubten mir auch nicht, dass ich mich mit meinen Freunden nur in Deutsch unterhielt. Offenbar dachten sie, dass ich in Deutschland Koreanisch oder zumindest Englisch mit den Menschen sprach. Sie konnten auch nicht verstehen, dass ich auch Freunde hatte, die viel jünger oder älter waren als ich. In der koreanischen Kultur wird nämlich sehr streng auf den Altersunterschied geachtet und sobald einer älter ist als der andere, so muss der Jüngere ihm quasi "gehorchen" oder den Älteren wenigstens "höher" behandeln.
Je öfter ich mich mit meinen Eltern stritt, desto stärker fühlte ich mich von der deutschen Kultur angezogen. In meinen Augen war sie viel lockerer und entspannender als die koreanische Kultur. Es kam sogar dazu, dass ich mich für meine Nationalitat schämte. Ich weigerte mich Kimchi und andere typische koreanische Gerichte zu essen, aber das machte die Situation zwischen mir und meinen Eltern noch schlimmer.
Deshalb versuchte ich die "goldenen
Mitte" zu finden: eine Mischung aus der deutschen und koreanischen
Kultur. Ich bemühte mich bei Besuchen in Korea, mehr zurück
zu halten und das Zurückhaltende in Deutschland wieder raus zu lassen.
Ich lernte die schöne Seite der koreanischen Kultur kennen und schämte
mich auch gar nicht mehr für meine Nationalität. Meine Gro©¬eltern
und Eltern akzeptierten meine Art und versuchten sogar sich ihr etwas
anzupassen. Nach einigen Jahren kriegte ich den Dreh raus und wurde auch
durch diese deutsch- koreanische Mischung weltoffener als z.B. meine Freunde
in Deutschland oder meine Eltern.
Jetzt habe ich kein Problem mehr mich unter Deutschland oder Korea zu ordnen. Im Gegenteil: ich sehe es als gro©¬en Vorteil, beide Kulturen so gut zu kennen und auch sie selber mit zu erleben.
So Yeon Kim
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