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Juni 2006 Abschlussfeier Klasse 10 und 9
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Prüfungsbeauftragter Dr. Köhler |
Klassenleiter 9 Herr van Dijk |

Klassenleiter 10 Herr Lorek

Leben zwischen zwei Kulturen (2006)
Mein Name ist Jin-Ho Lee und ich wurde
am 18.6.1990 in Frankfurt, in Deutschland geboren. 15 Jahre hab ich in
Deutschland verbracht, Kindergarten, Grundschule und das Gymnasium bis
einschlie©¬lich zur 9. Klasse besucht. Im Sommer letzten Jahres sind meine
Familie, meine Eltern, mein kleiner Bruder und ich, nach Korea umgezogen
und leben schon fast ein ganzes Jahr lang hier.
So kann man durchaus sagen, dass ich zwischen zwei ganz verschiedenen
Kulturen aufgewachsen bin. Auch wenn ich wesentlich länger in Deutschland
gelebt habe als in Korea und ich folglich nicht 50:50 deutsch-koreanisch,
sondern eher deutsch als koreanisch bin. Trotz allem bin ich der Meinung,
dass ein koreanischer Haushalt, jährliche Besuche, und fast ein ganzes
Jahr Leben in Korea ausreichen, um die typischen Merkmale des Landes zu
erfahren und über die beiden Kulturen sprechen zu können.
Anfangs machte mir das bilinguale Aufwachsen zu schaffen. Im Kindergarten
kann man darüber hinwegschauen, doch mit der Einschulung und dem
Deutschunterricht werden die sprachlichen Schwierigkeiten unübersehbar.
Schlie©¬lich kann man nicht zwei Sprachen gleichzeitig erlernen und dabei
die eine davon auch noch so gut beherrschen, wie die Muttersprachler in
derselben Jahrgangsstufe, au©¬er man gehört zu den wenigen Genies,
zu denen ich leider nicht gehöre.
Dabei bleibt es nicht. Mit Eintritt in das Gymnasium kommen plötzlich
noch mehr Fächer hinzu und erschweren es den ünterschied aufzuholen
und dem Niveau der Stufe gleichzukommen. Diese Phase muss jedoch überwunden
werden, auch wenn sie einen noch so sehr entmutigt und demotiviert.
In letzter Zeit bemerke ich allerdings eine kontinuierliche Besserung.
Wahrscheinlich erfüllt sich nün das, was mir meine Mutter früher
oft zur Ermutigung zurief: "Das kommt noch!"
Neugierig wird man von den Klassenkameraden über die Übersetzung
dieser und jener Worte ausgefragt, und sofort kommt schon der nachste
und verlangt alles noch mal in Schrift. Das kann gelegentlich lästig
sein, aber bringt auch einen Beliebtheits- und Aufmerksamkeitsbonus ein.
Praktisch ist es au©¬erdem, dass ich gegenüber Einheimischen immer
eine zweite Sprache als äss im Ärmel besitze, wenn es mal nötig
ist. Unter koreanischen Freunden sprechen wir oft auch eine ganz neue
Sprache, eine Mischung aus Koreanisch, Deutsch und manchmal noch Englisch.
Je nachdem, wie es die sprachlichen Kenntnisse zulassen.
Kritisch wird es beim Thema Fu©¬ball. Sowohl Verwandte und Bekannte in
Korea, als auch meine deutschen Freunde stellen mir die Frage, auf welcher
Seite ich stünde. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich durch die Bindung
an meine Abstammung doch mehr meine Landsleute favorisiere. Stets klagen
meine Eltern über die zu vielen und langen Ferien in Deutschland
und erinnern mich an die Schüler auf koreanischen Schulen, unter
wie viel Stress und Leistungsdruck diese stehen. Früh morgens zur
Schule bis in den Nachmittag hinein, dann anschlie©¬end zu den sog. Hagwons,
die sogar noch wichtiger als die Schulen zu sein scheinen, schlie©¬lich
kommt man nachts nach Hause und hat womöglich noch die Hausaufgaben
zu erledigen.
Eine Zeit lang, nach unserem Umzug nach Korea, war es mir äu©¬erst
unangenehm mal einfach aufrecht zu stehen, da ich oft wegen meiner in
Deutschland durchschnittlichen Körpergrö©¬e aus der Menge herausragte
und mich ständig beobachtet fühlte.
Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Doch manchmal bin ich immer
noch gezwungen eine aufrechte Haltung aufzugeben. Ein Beispiel sind koreanische
Autos, wo mich die Decke von oben erdrückt oder die Ma-ul-Busse,
wo ich jede Sekunde das Gefühl habe die Decke würde mir auf
den Kopf fallen.
Interessant ist auch der Verkehr hier in Korea im Vergleich zu dem in
Deutschland. Ganz einfaches Beispiel ist ein Zweite-Reihe-Parker. In Deutschland
würde das eines der schlimmsten auf der Stra©¬e begehbaren Vergehen
sein. Die alten Damen würden streng aus ihren sicheren fünften
Stockwerken, im Schutz der Vorhänge hervorlugen. Es ist dann nur
eine Frage der Zeit, bis die nächste Knollenfrau diese Untat wahrnimmt
und dann hat auch kein einziger mit Muskeln voll bepackte Body-Builder
den Hauch einer Chance. In Korea unvorstellbar! Hier würde man schlicht
denken, ja wenn da schon einer in der zweiten Reihe steht, stell ich meinen
doch gleich auch dahinter. Und auch Polizisten, die daran vorbeilaufen,
haben gar nichts daran auszusetzen. Vor allem, wenn es eine schwarze,
glänzende Luxus-Karosse mit voll getönten Scheiben ist.
Was au©¬erdem noch ganz typisch für Korea ist, ist, dass alles ganz
schnell geht. Z.B. fur die Reparatur eines elektronischen Gerätes
muss man nur in einen Einzelhändler-Laden vor der Tür und der
erledigt das bis zum nächsten Tag oder sogar im Laufe des Tages.
Aber in Deutschland dauert es erstmal einen Tag, bis man herausgefunden
hat, was das Problem ist. Womöglich ist dann noch ein ganz entscheidendes
Teil "nicht im Lager" und muss nachbestellt werden, was eine
Woche dauern könnte. Und immer alles schön bequem erledigen,
Feiertage und Mittagspause einhalten.
Jedes Land hat schon seine Vor- und Nachteile, nur die Frage ist wie viel
von beidem oder grundlegender, was sieht man als Vor- und Nachteile? Subjektiv.
Koreaner, die, wie ich, in Deutschland aufgewachsen sind, klagen im beneidenden
Ton über ihr Unglück in Deutschland zu leben. Sie reden von
Korea fast wie vom unerreichbaren Utopia, in dessen Genuss sie nur in
den langen Sommerferien kommen und das nicht mal jedes Jahr. Dahingegen
die Koreaner bewundern einen, wenn man im Ausland aufgewachsen ist, fragen
warum wir denn umgezogen seien, obwohl es doch in Deutschland viel schöner
sei.
Doch diese kennen Korea bzw. Deutschland nur aus dem Geplauder mit Bekannten,
dem Fernsehen oder Urlaub. Ich finde nämlich, dass eigentlich jedes
Land schön ist, doch nur so lange man nicht selbst dort lebt.
Ich bin nun mal in Deutschland aufgewachsen, dort ist mir alles gewohnt,
mein Denken ist deutsch. Also logisch, dass das Leben für mich dort
heimischer und bequemer ist. Und dennoch gibt es Augenblicke im Leben,
wo ich denke, das ist in Korea besser. Mir fällt es wirklich schwer
eine Heimat für mich selbst festzulegen. Zwar bin ich in Deutschland
geboren und aufgewachsen, aber von meiner Abstammung her werde ich mein
Leben lang Koreaner bleiben.
Meiner Meinung nach ist es für mich das Beste, das Positive beider
Kulturen zu kombinieren und eine neue Kultur für mich selbst zu schaffen,
individuell zu sein.
Deshalb habe ich die Überschrift dieses Artikels, die ursprünglich
"Leben in zwei Kulturen" hie©¬, durch "Leben zwischen zwei
Kulturen" ersetzt, da ich denke, dass ich zu keinen der beiden Kulturen
ganz gehöre, sondern irgendwo plus minus in der Mitte, also dazwischen
liege.
Nun kehre ich nach einem Jahr in Korea wieder nach Deutschland zurück
und werde dort zunächst die Schule absolvieren. Doch wie es dann
weiter geht, an welcher Universität, in welchem Land es weiter gehen
wird, wei©¬ ich noch nicht genau.
Doch eines steht fest: Zwischen den Kulturen!
Jin-Ho Lee
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